
"Die Buchhalterin"
Vorwort
Die Autorin beschreibt Arbeits- und Lebenssituationen, die wahrscheinlich jedem berufstätigen Menschen mehr oder weniger auch schon so oder ähnlich begegnet sind.
Die Ereignisse und Personen sind weitestgehend authentisch, auch wenn man geneigt ist, daran zu zweifeln. Zu krass menschenfeindlich und -verachtend stellt sich die Firmenphilosophie dem Leser vor, unglaublich zynisch und bösartig zeigt sich der Charakter der kranken Chefin und deren Familie den Mitarbeitern und natürlich im Besonderen der Buchhalterin gegenüber.
Nein, es kostet nicht das Leben. Natürlich kann man so arbeiten, aber welch ein Preis! Sensible Gemüter nehmen Schaden, wenn sie es nicht schaffen, wirksame Gegenmaßnahmen zu treffen. Die Buchhalterin Sabine Sümmchen versucht es mit Kreativität. Sie duldet meist schweigend, wehrt sich nur zaghaft, wissend, dass diese Leute sich niemals ändern würden. Sie zieht sich zurück, findet ihr Ventil und zieht die gleiche Konsequenz wie alle: hier nur Dienst nach Vorschrift! Wie schade für die kleinliche und egoistische Firmenführung, die sich in ihrer Dummheit selber schadet, nicht fähig, dieses zu bemerken und zu lernen. Die Buchhalterin möchte nicht zum Scheusal mutieren, sie bleibt Mensch, behält ihren unverwüstlichen Humor, was zuweilen sehr schwer wird. Bis sie schließlich auch auf Rache sinnt, womit sie nicht alleine ist. Aber unserer Buchhalterin fällt nichts ein, was sich real umsetzen ließe. Sie ist nämlich nicht wirklich rachsüchtig, nicht fähig, bewusst Schaden anzurichten. Manchmal geschehen aber scheinbar die Dinge auch ohne Zutun. Ist es die Erfüllung des Prinzips der unheilvollen Prophezeiung? So einige andere wurden ebenfalls gepeinigt und möchten etwas unternehmen, haben ähnliche Gedanken wie Sabine Sümmchen, handeln auf ihre typische Art und Weise.
Auszug
…Jetzt sieh zu, dass du eine Neue findest. Wenn’s geht keine, die auch gleich wieder ein Kind bekommt“, keifte sie ihren Mann, unseren armen Gartenführer an. Ja, natürlich würde er sich kümmern, denn die Arbeit der Buchhalterin müsse unbedingt nahtlos fortgesetzt werden. So setzte er eine Annonce in die Zeitung und es meldeten sich eine Reihe von willigen Frauen, auch Sabine Sümmchen sprach vor. Sie suchte eine gute Arbeit in der Nähe ihrer Wohnung. Die vorherige tägliche, unerträgliche Fahrerei hatte sie gründlich satt. Sie war Anfang fünfzig, geschieden und nach einem turbulenten, privaten und beruflichen Leben auf der Suche nach einer ruhigen, soliden Arbeit am Schreibtisch. Ja, meinetwegen auch als Buchhalter, wenn es denn nichts anderes gäbe. Nein, in dem Alter darf man bei der Arbeitssuche nicht wählerisch sein. Man muss zugreifen, wenn sich überhaupt etwas bietet. Schließlich gehört man in diesem biblischen Alter zu den schwer Vermittelbaren, falls man denn unglücklicherweise in die Arbeitslosigkeit gerät, aus welchen Gründen auch immer. Auch das passiert. Man ist ein Problembürger, ein gesellschaftliches Sorgenkind. Wer will das schon freiwillig sein? Nein, Sabine Sümmchen war ja noch kein Sorgenkind, kein Sozialfall, sie hatte ja Arbeit. Sie wollte nur ihre Lebensqualität verbessern. Sie wollte von der Straße. Also sie hatte keine Lust mehr auf Staus, Unfallgefahren und Freizeiteinbußen, ausufernde Spritkosten. Sie wollte sich verändern. Buchhaltern, das konnte sie auch. Zwangsläufig hatte sie sich früher damit jahrelang unter anderem beschäftigen müssen. Klagen gab es da nie, Buchhaltung ist ein Routinejob. Man kann das machen, um seine Brötchen zu verdienen, dachte sie. Dann geht man nach Hause und der berufliche Alltag ist erledigt. Was ist dabei? Sabine Sümmchen wollte keine Karriere mehr, nur in Ruhe die erforderliche Knete verdienen und zwar durch ehrliche Arbeit. Das müsste doch zu schaffen sein. Eine Buchhalterin ist nichts Besonderes, sie ist nur ausführend und hat eigentlich nichts zu melden, sitzt ganz unten auf dem Treppchen der Hühnerleiter. Na und? Die Arbeit muss auch getan werden und irgendwie ist sie auch wichtig. Eine Buchhalterin ist eine Vertrauensperson. Zahlen sind immer geheim, denn sie zeigen dem Kundigen das Innenleben einer Firma und das kann peinlich sein. Nun, Sabine Sümmchen machte einen guten Eindruck. Kinder konnte sie nicht mehr kriegen, gesund und belastbar wäre sie unbedingt. Natürlich auch immer frei für die Firma, denn da war keine Familie. Also alles in Allem: immer bereit, immer verfügbar. Genau das schien der Gartenführer zu brauchen: nämlich eine erfahrene alte Krähe, die weiß worauf es ankommt, die eventuell auch mit seinem Scheusal zu Hause zurechtkäme. Frauen in dem Alter kündigen nicht mehr, sie harren eisern aus bis zur Rente und würden alles ertragen, notfalls auch die Giftspritzen seiner Frau, dachte er. Also entschloss er sich, Sabine Sümmchen einzustellen. Die ahnte nicht, was sie erwartete.
Zunächst musste ihr der Ablauf erklärt werden und natürlich die heilige Ordnung des Büros, welches ein wenig wie ein Krankenhauszimmer anmutete, nur eben ohne Bett und ohne das Blümchen auf dem Nachtisch, welches der Besucher das letzte Mal mitbrachte. Die Firma befasste sich zwar mit Pflanzen, es gab auch einen recht ansehnlichen dazugehörigen Blumenladen, aber in den Büros duldete man keine Pflanzen, halt nichts Privates. Es sollte nur Arbeitsatmosphäre ausstrahlen, Neutralität und Korrektheit eben. Bilder von Angehörigen oder private Bilder für die kahlen Wände waren nicht erwünscht, auch kein Radio oder gar ein privates Handy. Das liebte man nicht, denn es würde die Mitarbeiter nur ablenken. Sabine Sümmchen war irritiert, sagte aber nichts. Sie würde ein Büro für sich allein haben und das große Fenster bot einen sehr schönen Blick nach draußen.
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Sie schrieb, wenn man sie ganz besonders quälte, erst recht kleine Gedichtchen und anderes. So entstand auch das Folgende:
Tag des Buchhalters
Es lebe der Buchungssatz
Er stärke den Hosenlatz
Fleißige Buchhalter flitzen mit spitzen Stiften
In dunkle Ritzen
und fitzen auseinander
Was findige Führungskräfte gebracht durcheinander
Sie rechnen die Rechnungen rauf und runter
Sie zählen die Zahlen drauf
Werden nicht schöner auch nicht bunter
Aber helfen beim Kauf
Buchhalter im Sessel
An den Füßen mit der Fessel
Jeden Tag die Zahlen singen
In Tabellen springen
Schwarze, rote
Oft auch tote
Aber es lebe der Buchhalter
Doch eines tat sie nicht, sie grüßte die Herren Geschäftsführer nicht ehrerbietig als erster so wie es viele machten. Sie ließ es darauf ankommen. Manchmal schien es, als warteten diese Typen auf die Grußerweisung. Nö, Sümmchen schaute sie freundlich an und wenn die Herren nichts sagten, dann sagte sie auch nichts. Sie war Frau und auch kein Lehrling mehr, schleimen wollte sie ganz bestimmt nicht
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